Praktika

Für das Leben lernen

Zwölf Jahre Waldorfschule – das sind auch zwölf Jahre der Annäherung und des Eintauchens in das praktische Leben, wie es uns heute prägt und von uns geprägt wird. Die Schule als zunächst in sich geschlossener Lebensraum muss deshalb versuchen, alle Schüler auf wesentlichen Ebenen mit den Belangen des praktischen Lebens zu konfrontieren. Mehrwöchige Praktika der einzelnen Jahrgangsstufen stellen eine unersetzliche Dimension sozialen und individuellen Lernens dar.

Im Entwicklungsprozess der sogenannten Vorpubertät, zwischen dem 12. und dem 14. Lebensjahr, vollziehen sich tiefgreifende Änderungen in den jungen Menschen. Sie verändern nicht nur ihr Äußeres; auch das Gefühls- und Willensleben gerät ins Schwanken. In diese Zeit fallen in die 7. Klasse zwei Praktika, das Forst- und das Küchenpraktikum. Das Forstpraktikum dauert eine Woche, das Küchenpraktikum zwei mal eine Woche.

In der Schulküche erleben die Praktikanten hautnah, dass es äußere Zwänge gibt: Das Essen muss um 12.15 Uhr fertig sein, egal, ob man müde, erschöpft oder schlecht gelaunt ist. Die Arbeit ist dann beendet, wenn der Boden geschrubbt ist und nicht, wenn eine Glocke klingelt. Die jungen Menschen lernen hier die Welt der Erwachsenen kennen, die sie ja so gerne schon bewohnen wollen. Gleichzeitig spüren sie, dass sie sich bewähren können und Erfolg haben: Nachspeisen werden gezaubert, Salate kompniert, neue Rezepte ausprobiert. 

Beim Forstpraktikum können die Schülerinnen und Schüler von sich selbst einmal absehen und sich der Welt, dem Wald und einer Bepflanzung widmen. Die Buben setzen ihre Kräfte ein und die Mädchen erlauben es sich, ungeschminkt zu erscheinen. Im Forst werden Zäune entfernt, Wäldchen ausgedünnt, Bäume gesetzt. Und nicht zuletzt erfahren sowohl die Wald- als auch die Küchenarbeiter, wie alles besser läuft, wenn man zusammenarbeitet.

Während des Landwirtschaftspraktikums in der 9. Klasse bekommen die Schüler Einblicke in die wirtschaftlichen Zusammenhänge eines landwirtschaftlichen Betriebs und in die ökologischen Zusammenhänge von Boden, Wetter und artgerechter Tierhaltung. Dadurch wird das Verständnis und Verantwortungsgefühl gegenüber der Erde, den Pflanzen und Tieren, also der gesamten Schöpfung gefördert. Das Landwirtschaftspraktikum dauert drei Wochen; die Schüler leben dabei auf einem Bauernhof, der auch im Ausland sein kann.

Mit dem Feldmesspraktikum in der 10. Klasse findet außerschulisches Lernen statt. Arbeits- und Lerngebiete sind: Aufnahme des Polygonzugs mit dem Theodolit, Höhenvermessung mit dem Nivellier, Geländeerfassung mit dem Messtisch, Navigationsübungen und das Erstellen einer Karte, ebenso die praktische Vertiefung der Trigonometrie. Dauer: 10 Tage.

Das Handwerkspraktikum in der 10. Klasse leisten die Schüler in einem selbstgewählten Handwerksbetrieb ab. Es ermöglicht den Jugendlichen, die Realität der Arbeitswelt und das Ineinanderwirken verschiedener handwerklicher Prozesse kennenzulernen. Dauer: 3 Wochen

Im Sozialpraktikum in der 11. Klasse arbeiten die Jugendlichen in einer sozialen Einrichtung. Sie entdecken in der Konfrontation mit Menschen anderen Alters und anderer Begabung letztendlich die Individualität des anderen und werden dadurch sicherer im eigenen Urteil. Dauer: 3 Wochen.

Um die Schüler in einen künstlerischen Prozess einzutauchen zu lassen, führen wir das Steinmetzpraktikum als einen der Höhepunkte in der 12. Klasse durch. Wie kaum ein anderes Material fordert der Marmorstein die Ich-Kräfte heraus. Es gilt, die entstehenden Plastiken dem inneren Bild entsprechend zu formen. Dabei findet ein ständiges Abstandnehmen und Wiederherangehen statt, das das ästhetische Urteilsvermögen der Jugendlichen ausbildet. Dauer: 3 Wochen.

Als besondere Erziehungsaufgabe machen die Praktika die Schülerinnnen und Schüler mit der Welt und deren Aufgaben vertraut. Durch die praktische Arbeit entdecken und erkennen sie die Vielfältigkeiten der eigenen Individualität.